Dienstag, 18. Mai 2021
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Ursprünge der deutschen Frauenbewegung ab 1865 – #1

Gründung des ADF

/// Vorwort /// – Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland wird in neuerer Zeit vorwiegend allein von Frauen und überzeugten Feninistinnen als politische Erzählung aufbereitet. Historische Daten wie die Einführung des Frauenwahlrechts werden dabei zu Schlüssseleignissen der frauenpolitischen Befreiung, die meist auf kollektiven und gesellschaftlichen Zusammenhängen gegründet werden. Die kulturgeschichtlichen und individuellen biografischen Dimensionen treten dabei oft in den Hintergrund. In Berlin, der Hauptstadt der Bibliotheken und Archive, kann man jedoch mehr entdecken. Seit etwa 2010 verändert sich der Blick: zunehmend werden individuelle biografische Perspektiven erkundet. Die Suche nach weiblichen Straßennamen hat diese Forschung wohl bestärkt, die durch einige verdienstvolle Frauenbeauftragte und durch Verlage voran kamen. Die Geschichte der Einführung des Frauenwahlrechts kann deshalb heute auch als Geschichte individueller Beharrlichkeit und Weisheit von Frauen erzählt werden – und als Geschichte des Bildungsaufstiegs vieler Protagonistinnen. Der Einstieg in die Geschichte lohnt …. vor 153 Jahren war das wohl wichtigste Schlüsselereignis. In einem Zweiteiler wird ein Überblick über die Geschichte bis zum Jahr 1919 gegeben.


Vor 153 Jahren wurde anlässlich einer Frauenkonferenz vom 16.-18. Oktober 1865 in Leipzig der Allgemeinen Deutsche Frauenverein e.V (ADF) gegründet. Zwei Frauen initierten maßgeblich diese Konferenz, die heute auch als wichtige Geburtsstunde der deutschen Frauenbewegung angesehen wird: Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt.

Louise Otto-Peters (auch Luise Otto-Peters, Pseudonym Otto Stern; * 26. März 1819 in Meißen; † 13. März 1895 in Leipzig) war sozialkritische Schriftstellerin und wurde zur Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung.
Bereits 1849 gab sie die erste Frauenzeitschrift heraus, und bereitete damit die öffentliche Diskussion um Frauenrechte und Teilhabe maßgeblich vor.

Auguste Schmidt (Friederike Wilhelmine Auguste Schmidt; * 3. August 1833 in Breslau; † 10. Juni 1902 in Leipzig) war Lehrerin und Schriftstellerin. Sie engagierte sich vor allem für die Mädchenbildung und die Rechte von Frauen in der Berufsausübung.
1869 beteiligte sich Auguste Schmidt zusammen mit der Lehrerin Marie Calm (1831–1887) aus Kassel an der Gründung des Vereins deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen. 1890 hob sie in Friedrichroda zusammen mit Helene Lange den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV) mit aus der Taufe. Von 1894 bis 1899 fungierte sie als Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), einer Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung, zu dessen Gründerinnen sie ebenfalls gehörte.

Ziele des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins

Im damaligen bürgerlichen Zeitalter war Frauen Bildungsfreiheit und Berufsfreiheit verwehrt. Frauen aus dem Bürgertum standen damals nur die Berufe Gouvernante, Lehrerin, Gesellschafterin und allenfalls Heimarbeit offen. Frauen waren auch nicht zu höheren Bildungsinstitutionen zugelassen, sogar Abitur und Universitätsstudium waren ihnen verwehrt.

Bereits der erste Paragraph des ADV war eine Kampfansage an die enge bürgerliche Gesellschaft:

„§1 des ADF:
„Der Allgemeine deutsche Frauenverein hat die Aufgabe, für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken.“

Der ADF forderte ein Recht auf Arbeit und die Einrichtung von Industrie- und Handelsschulen für Mädchen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Auch der Kampf für eine höhere Schulbildung mußte erst aufgenommen werden. Eine der wichtigsten Forderungen war der Zugang zum Abitur für Frauen.

Geist der Zeit – Aufbruch aus tiefer Bedrückung

In welchem bedrückenden Zeitgeist die Frauen zu der Konferenz aufriefen, wurde auch in den Eingangsworten von Dr. Louise Otto-Peters deutlich, die die Versammlung eröffnete:

„Wenn ich es wage heute und hier das Wort zu ergreifen ohne das Talent der Rede, ja selbst das dazu geeignete Organ zu besitzen — so muß ich mich gleich im Voraus mit der Pflicht entschuldigen, die mir meine Stellung als Vorsitzende des Frauenbildungsvereins und des Comités, welches diese Frauenconferenz einberufen, auferlegt.

Allerdings muß ich sagen, dass zu dieser Pflicht auch das Bedürfniß des eignen Herzens kommt, der Drang, Ihnen Allen die Sie hier erschienen sind den tiefgefühltesten Dank dafür zu sagen in meinem eignen Namen, wie im Namen Derer, die sich hier mit mir schon längst zu gleichem Werke verbunden haben!“

Die Protokolle der 1. Frauenkonferenz sind vom Deutsche Textarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften digitalisiert worden, und können hier abgerufen und nachgelesen werden:
Deutsches Textarchiv – Korn, Philipp Anton: Die erste deutsche Frauen-Conferenz in Leipzig. Leipzig, 1865. Archivlink.

Auch einige Männer waren damals anwesend: August Bebel war wohl die Leitfigur, die für die Verbindung von Sozialdemokratie und die Frauenbewegung sorgte, die bis heute fortbesteht. Der Philosoph Peter Carl Pius Gustav Hermann Freiherr von Leonhardi wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Er war in der freireligiösen Bewegung engagiert. Leonhardi war Schüler und Schwiegersohn von Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832), dessen handschriftlichen Nachlass er herausgab – und wurde von dessen sozialreformerischen Schriften und den pantheistischen und idealistischen Ideen des „Krausimo“ beeinflusst.

1849 übernahm Leonhardi eine Professur für Philosophie an der Universität Prag. Dort gab er die Zeitschrift Die Neue Zeit heraus und organisierte Philosophenkongresse. Er war mit Friedrich Fröbel befreundet und arbeitete eng mit Bertha von Marenholtz-Bülow und Louise Otto-Peters zusammen. Diese Verbindung sorgte so für weitere Reputation und akademische Relevanz.

Geschichte des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF)

150 Jahre wechselvolle Geschichte des ADF lassen sich kaum angemessen in wenigen Zeilen darstellen. Deshalb sollen hier nur wichtige historische Marksteine und Ereignisse in verdichteter Form genannt werden. Doch es gibt sehr wertvolle Zugänge zu Archiven, und so geben die Anmerkungen und Links wertvolle Hinweise für weitere vertiefte Recherchen, die auch die Zeit ab 1848 einschließen, und die von Louise Otto herausgegebene Frauenzeitung einbeziehen.

Ffrauenzeitung 1849
Frauen-Zeitung Probe-Nr. 21.4.1849 –
redigirt von Louise Otto – Abb.: gemeinfrei

Die Gründung des ADF war ein Zündfunke, noch im Jahr 1865 breitete sich der ADF aus. Waren es zuerst vorwiegend Frauen aus Sachsen, und wenige zugereiste Frauen aus anderen Regionen Deutschlands, so folgte sehr schnell die Gründung zahlreicher Lokalvereine.

Zu den ersten Aktivitäten und wichtigsten Initiativen des jungen Verbandes gehörten die Herausgabe der Verbandszeitschrift die „Neuen Bahnen“.

Der ADF widmete sich insbesondere dem Petitionskampf um Berufstätigkeit und Bildung von Frauen. Es folgten praktisch 30 Jahre Kampf – bis endlich im Jahr 1896 erste Abiturientinnen die Schule abschlossen. Unter Ihnen war z.B. auch Clara Zetkin, die spätere sozialistische Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin.

Die Zeitschrift „Neuen Bahnen“, die von 1866 bis 1895 von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt gemeinsam betreut wurde, erschien bis einschließlich 1919 vierzehntätig, 1920 wurde sie dann durch die monatlich erscheinende Zeitschrift „Die Frau in der Gemeinde“ abgelöst. Das Archivmaterial ist eine Fundgrube – die bis heute viele Ideen und Vorbilder aufzeigt.

Michael Springer:
Ursprünge der deutschen Frauenbewegung ab 1865 – # 2 erscheint demnächst


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